Texte
Uwe Grötschel
Märkische Allgemeine Zeitung vom 3. März 2020
Wenn der Stau zum Kunstwerk wird
Im Falkenseer Museum wird die Ausstellung »lateral« gezeigt. Zu sehen sind Bilder, Installationen und Objekte von Markus Kohn
Die neue Ausstellung im Falkenseer Museum erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Sie lädt zum Entdecken ein und führt in eine Kunstwelt, die zwischen den Medien Zeichnung, Malerei, Foto und Film wandert sowie mit Zufallstechniken experimentiert.
Gleich ins Auge fällt dem Besucher eine Installation mit dem Namen »Weekend«. Es ist eine Pergamentrolle von einem Meter Breite und rund 70 Metern Länge, die in mehreren Bahnen von der Decke hängt und die Zeichnung eines Verkehrsstaus zeigt. Der Verkehrsstau ist historisch und bezieht sich auf den Film »Weekend« von Jean Luc Godard aus dem Jahr 1967. Die Zeichnung dokumentiert eine zehnminütige, ungeschnittene Kamerafahrt entlang einer Autokolonne auf einer französischen Landstraße.
Zusätzlich zur Pergamentrolle wird ein Film gezeigt, der von der ausgerollten Zeichnung des Staus aufgenommen wurde. Unterlegt ist er mit dem Originalton des Godard-Filmes, einem frenetischen Hupkonzert. Die Installation stilisiert den Verkehrsstau zu einer »Feier des Stillstands« und lenkt den Blick auf die Kulturtechniken des unfreiwilligen Wartens.
Eine Reihe von Übermalungen diverser Fotos, die geometrische Anordnungen erkennen lassen, trägt den Titel »Japanischer Garten«, der auf die falsche Fährte führt. Denn tatsächlich handelt es sich bei den Aufnahmen nicht um landschaftsgärtnerische Gestaltungen, sondern um ein Lager mit »sauber« verpacktem, strahlenden Atommüll aus Fukushima.
Eine ähnliche Überraschung bereitet ein ästhetisches, schlangenförmiges Formenband. Es ist die übermalte, gespiegelte und vervielfältigte Luftaufnahme einer Warteschlange von Geflüchteten vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales. Man sieht aber nicht die Menschen, nur ihre Schirme. „Schirmherrschaft“ heißt diese Arbeit; sie ist eine Perspektive aus großer Distanz, ungenau und befremdend.

Markus Kohn kommt aber auch spielerisch, mit Witz und Humor daher. Da wuseln Solarheuschrecken umher, die auf die Saiten eines Cellos geheftet sind, und deren Bewegung von Licht und Zufall gesteuert werden. Das Ganze heißt dann »Sonnensymphonie«. Spannend für den Künstler ist die Frage, was der Betrachter darin sieht und welche Assoziationen entstehen. »Denn auch der Betrachtungsprozess« so Markus Kohn, »kann ein kreativer Prozess sein«.
Markus Kohn ist in Ulm geboren, hat an der Berliner Hochschule der Künste studiert und war dort Meisterschüler. Er lebt seit 1998 in Falkensee. Demnächst wird ein Werk von Markus Kohn auch zur Falkenseer Alltagskultur gehören.
Denn er hat im vorigen Jahr zusammen mit Simone Elsing den Wettbewerb zur künstlerischen Gestaltung des Kreisverkehrs am Spandauer Platz gewonnen. Seine Installation »Der leuchtende Falke« könnte in Zukunft diesen Falkenseer Verkehrsknotenpunkt zieren.